Die Bürger von Frankfurt. Oder: Wie man zwischen 650.000 Einwohnern sehr allein sein kann.

Gestern Abend ist mir etwas passiert, was mich bis jetzt schockiert. Und ich weiß nicht so recht, was ich mit dieser Tatsache anfangen soll. Ich erzähle die Story einfach. Allerdings möchte noch eine Warnung vorwegschieben: Die Tatsache, dass ich mich zufälligerweise gerne mit Menschen anlege, vor allem, wenn sie laut und offenkundig Schwächere angehen, ist so eine Art Geburtsbehinderung bei mir. Diese Behinderung wird relativ sicher mein Leben verkürzen und Karrieren eindämmen. Und irgendwie brauche ich einen guten Plan, wie ich künftig Reaktionen dieser Art kanalisiere. Aber die Tatsache, dass ich einfach meine Klappe nicht halten kann, hat mit Heldentum gar nichts zu tun. Darum gehts mir in diesem Artikel auch nicht und es ist mir fast schon unangenehm, das als Auftakt in das, was mir gestern Abend passierte, nehmen zu müssen.

Eigentlich geht es in diesem Text nicht um mich, sondern um die Leute, die ich jeden Morgen in der U4 treffe, die mit mir Brötchen holen gehen oder mit denen ich arbeite: Die Bürger von Frankfurt.

Fangen wir mal an:

Ich hatte die letzten Wochen eine sehr anstrengende Zeit, war gestern Mittag bei einer großen Präsentation in München und war danach noch in Frankfurt mit einem Kollegen etwas trinken. Dann stand ich so um 22 Uhr ziemlich übermüdet in Mantel und Anzug im Zentrum Frankfurts und versuchte, mich bis nach Hause wach zu halten. Der Weg nach Hause führte in diesem Fall durch die U- und S-Bahn Station Hauptwache, einen schauerlichen Verkehrsknotenpunkt am Eingang der Fußgängerzone. 

Wie die meisten deutschen Großstädte hat auch Frankfurt "schöne Ecken". Die Hauptwache gehört leider nicht dazu. Sie ist schmutzig, hässlich und, unter anderem, Anlaufpunkt für Verrückte, Betrunkene, Junkies aller Art. Nicht alle davon sind grundschlecht oder bedrohlich (ihr kennt sie selbst). Vielen von diesen Menschen aus der Talsohle des Lebens kann ich in guten Zeiten auch was abgewinnen: den bekloppten Jesus-Predigern, dem gelbsüchtigen Penner oder der taubenfütternden Autistin. Sie alle gehören zum eckigen, harten Charakter einer Großstadt im 21. Jahrhundert. Dummerweise sind auch andere Zeitgenossen darunter. Und spätestens der Kamerad, der mir drei Minuten später an Gleis 3 begegnen sollte, hatte eigentlich nur ein Ziel an dem Abend: Möglichst viel Stress.

Als ich zum S-Bahn Gleis 3 komme, stehen wie immer, 20 Personen im Schummerlicht. Aber etwas war anders: Ein Mensch pöbelt in wüsten Beschimpfungen das auf der gleichen Bank sitzende Paar an. Man könnte denken, dass er und das Paar in Streit geraten sind. Aber das war hier sicher nicht der Fall: Beide kannten sich sicher nicht und schienen auch soziodemographisch nicht unbedingt Nachbarn zu sein. Dummerweise kann ich wirklich nicht wegsehen wenn so was passiert und ich ging hin. Irgendwie schien sich sonst auch nicht wirklich jemand dafür zu interessieren.

Ich setzte mich neben das Paar und bat ihn, das Geschreie zu stoppen und die Leute in Ruhe zu lassen. Anders als in vergleichbaren Situationen versuchte ich diesmal etwas deeskalierender zu wirken, eher ruhig als aufbrausend - anders machte es nicht wirklich Sinn. So von wegen, "wir können doch alle gut miteinander klarkommen". Und: "Wir wollen doch alle keinen Stress". Dummerweise sah er das anders. Jetzt war ich im Fokus und auf mich prasselte jetzt "Was willst du denn?", "Ich mach dich platt", "Du Opfer" ein. Interaktion fand auch nicht mehr statt: Ab jetzt wurde ich angeschrien. Meine ganz persönliche Behinderung hat allerdings noch eine zweite, ganz unangenehme Ausprägung: Ich geh nicht weg. Auch wenn ich sicher weiß, dass ich mir gleich richtig eine einfange, ist mein Stolz viel zu groß als dass ich es akzeptieren könnte, dass mir irgendwer durch Gewalt meine grundgesetzlich zugesicherte Bewegungsfreiheit einschränkt. Zumindest bis zu diesem Punkt.

Nach der Ankündigung "Ich schlitz dich auf", gab es eine fixe Bewegung in die Tasche und plötzlich flashte er sein Messer. Und auch ich machte diesmal etwas anders als sonst. Ich ging 5m zurück und schrie so laut, wie ich konnte, dass mir bitte jeder von den vielen Menschen am Bahnsteig zuhören möge. Ich schrie sowas wie: Hier stehen viele Leute, kräftige Männer, Mitte 20, Anfang 30 und hier ist ein Mann, der seit geraumer Zeit Menschen bedroht und mich jetzt mit einem Messer. Dass ich erwarte, dass hier hingeguckt wird, dass mir bitte Menschen helfen sollen und dass ich jetzt mehrere junge Männer (dich, dich und dich) direkt bitte, hierher zu kommen und wenigstens als Kulisse zu dienen.

Auch auf direkten Zuruf passierte nichts. Ich guckte vier Jungs meines Alters (von hipper Student über frommer Muslim bis hin zu Aktentaschenbänker) direkt in die Augen, sprach sie an...aber ausser einem betretenen Gesicht (und das war viel) passierte gar nichts. Was geschah, war - als einziges - dass die zunehmende Geräuschkulisse Frankfurts Biedermeier davon abhielt zu uns zu kommen und die Blase um ums einfach nur größer wurde. 

Das war dann auch für mich das Signal und ich entfernte mich von ihm, während er mir immer noch hinterherbrüllte. Bahn-Security kam 10 Minuten nach Beginn der Szenerie dann auch mal an, umstellte ihn, bat mich aus seinem Blickfeld zu verschwinden (er schrie mir immer noch hinterher). Und weil noch nicht mal das jemand anders für mich übernommen hatte (Level 1 in Zivilcourage) rief ich für meinen eigenen Fall noch die Polizei. Ich stieg in die nächste Bahn und jemand klopfte mir auf die Schulter mit den Worten: Der ist hier immer und da muss man halt nicht drauf achten. Ääääääh, what?

Wir akzeptieren es, dass ein schreiender, höchst aggressiver Mann abends um 10 inmitten einer deutschen Großstadt Menschen verbal und auch handgreiflich attackiert und entschuldigen die eigene Passivität damit, dass "er halt so ist" und "dass man da gar nicht weiter zugucken muss". "Man bringt sich ja nur selbst in Gefahr". Wir akzeptieren es, dass wir kontinuierlich durch solche und andere Menschen genötigt werden die Straßenseite zu wechseln, die nächste Bahn zu nehmen oder einfach den anderen Parkeingang zu benutzen?

Ja, das Dumme ist, das tun wir. Der Mensch, den ich in dieser Situation am meisten gehasst habe, war nicht mein cholerischer Angreifer. Das war der 32-jährige Bänker, der auf direkte Hilfsanfrage von mir wegguckte und sich hinter der Plakatwand versteckte. Ja, ich hab auch Angst in diesem Moment. Aber als ich diesen Menschen sah, wurde mir wirklich alles klar: Wir akzeptieren solche Dinge. Wir glauben, dass das ja ein Job für die Bahn-Security ist. Die mag zwar gerade nicht da sein....aber irgendwem wir schon was einfallen. Weggucken, weggehen, nichts sehen. Dass es sowas wie persönliche Freiheit gibt, dass man sich selbst wünscht, dass andere einem helfen und dass gesellschaftlich dann irgendwie der Deal ist, dass man sich vielleicht auch selbst für einen unbekannten Anderen in die Bresche werfen sollte....scheint nicht überall so gesehen zu werden.

Jeder der 20 Menschen um mich herum hätte wenigstens die Polizei holen können. Zumindest die Jungs hätten eine Kulisse hinter mir bilden können (mein Angreifer war durch meine Hilferuf nämlich in der Tat zunächst überrascht und geriet erstmal in die Defensive). Einer hätte zur Ablenkung ein Lied singen können oder ihm einfach aus sicherer Entfernung ein paar Matheaufgaben stellen können. Hört sich bizarr an, ist aber richtig. Verwirrung stiften kann nämlich jeder, ohne allzu große Sanktionen befürchten zu müssen. Und ein menschliches Gehirn ist nicht wirklich dazu in der Lage, so viele Extremreize auf einmal zu verarbeiten. Aber keiner tat auch nur irgendwas. Kurz: über Zivilcourage (wenn man so will) zu reden und sie auszuüben, sind zwei paar Dinge. Der Mensch ist nicht per se feige, aber er ist ängstlich und ungeübt. Und das hindert ihn am Denken und erst recht am Handeln.

Ich hätte gerne eine Lösung für dieses Problem. Denn - Die Empörung der Bild-Zeitungsleser über U-Bahn Schläger in allen Ehren - wenn dich jemand im Zentrum von Frankfurt (oder München oder Berlin oder Köln) heute angreift und die Polizei nicht direkt dabei ist, bist du allein. Keiner der ewigkopfschüttelnden Bürger aus der Mitte der Gesellschaft wird sich für dich schmutzig machen. Im Normalfall ruft noch nicht mal jemand die Polizei. Aber irgendwann in der Vergangenheit unserer Gesellschaft gab es doch mal sowas wie Werte. Werte, die nicht automatisch von schlecht funktionierenden staatlichen Institutionen abgefangen wurden (Bahn Security, Polizei, Ordnungsamt) sondern die, die wir individuell in uns trugen.

Steht ein durchorganisierter Verwaltungsstaat mit seiner Wasistdenndasaktenzeichendesmordesdergleichanihnenpassiert-Durchgreifmentalität im Gegensatz zu individuellem Verantwortungsbewusstsein? Sourcen wir unsere Wahrnehmung für das, was um uns geschieht wirklich so sehr aus, dass wir einen schreienden 15 Meter großen Gorilla, der 3m von uns entfernt im selben Raum sitzt, so sehr wegignorieren, dass wir selbst glauben, dass er nicht da ist? Selbst wenn er uns gerade die Gurgel durchbeisst? Oder brauchten wir in unserem Kopf und unserem Herz mehr Raum, um uns mit Orga-Charts, Projektplänen und Gesetzestexten um die eigentlich wichtigen Dinge des Lebens zu kümmern? Nämlich unsere kleine, miese Biedermeier-Welt - egal, ob die als DJ in einem Club, als Richter, als Kloputzer oder in einer Werbeagentur stattfindet.

Ich fürchte, genau das ist passiert. Und warum auch immer es der Fall war: Es ist nicht gut.

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